07.09.2017

Dachbegrünung - Interview Stephan Brenneisen

Immer mehr Immobilienentwickler setzen bei der Aussenraumgestaltung auf Dachbegrünung. Die Mieterschaft profitiert von angenehmerem Raumklima, für Vermietende reduzieren sich die Unterhaltskosten.

Interview und Text: Philipp Hodel, Nachhaltigkeitsbericht 2017

Städte wie Paris, Berlin oder München fördern Aussenraum-Massnahmen wie die Begrünung von Dächern, es gibt zahlreiche Projekte mit hoher Ausstrahlungskraft. Wo steht die Schweiz im Vergleich zum Ausland?

Stephan Brenneisen: Die Schweiz braucht den Vergleich zum Ausland nicht zu scheuen. Denn ein Grossteil der Gemeinden schreibt in ihrem Baureglement die extensive Dachbegrünung explizit vor. Nur: Diese Begrünung ist häufig weder sicht- noch erlebbar. Wahrgenommen werden vor allem internationale Projekte wie der „Bosco Verticale“ in Mailand. Nebst solchen Leuchtturmprojekten sieht es im Ausland hinsichtlich Dach- oder Fassadenbegrünung aber eher düster aus. Mit dem grünen Wohnturm „Aglaya“ in Rotkreuz sowie dem „Tour des Cèdres“ in Lausanne entstehen nun auch in der Schweiz publikumswirksame Projekte. Gut möglich, dass sich die Wahrnehmung dadurch ändert.

Welche Effekte haben Gründächer auf Gebäude, Menschen und Natur?

Die Raumtemperatur liegt bei extensiver Dachbegrünung im Sommer nachweislich drei bis fünf Grad tiefer. Im Winter wirkt das Substrat als zusätzliche Dachisolation. Die darunterliegenden Räume kühlen weniger rasch aus, was die Heizkosten verringert. Da auf einem begrünten Dach mehr als die Hälfte des jährlichen Niederschlags verdunstet, können Siedlungsentwässerungen und Kläranlagen entlastet werden. Nicht zuletzt vermitteln grüne Flächen in unserer immer stärker von Technik dominierten Welt ein Gefühl der Verbundenheit mit der Natur. Dieses positive Gefühl ist übrigens auch bei Mietern feststellbar, die das Grün nicht sehen, sondern nur auf ihrem Dach wissen.

"Trotz höherer Investitionskosten lohnt sich die Dachbegrünung auf lange Sicht."

Rechnen sich diese Massnahmen auch finanziell?

In Ländern mit vielen Klimaanlagen lohnt sich die Dachbegrünung finanziell wesentlich schneller als in der Schweiz, weil die Räume weniger warm werden und Energie eingespart wird. Aber auch bei uns gilt: Wer langfristig rechnet, muss auf Begrünungsmassnahmen setzen. Denn eine qualitativ hochwertige Dachbegrünung schützt die Abdichtung des Dachs und verlängert dessen Lebensdauer. Es entsteht ein mechanischer Schutz, der die UV-Strahlung absorbiert. Somit lohnen sich die Massnahmen über einen längeren Zeitraum trotz höherer Investitionskosten. Leider gibt es nach wie vor etliche Investoren, die Gebäude nur bauen um sie möglichst schnell wieder abzustossen. Hier geht es ausschliesslich um den kurzfristigen Profit. Unternehmen wie Zug Estates, die Gebäude und Areale entwickeln, bauen und bewirtschaften, investieren zukunftsorientiert. 

Ist diese Profitmentalität nicht ein gesellschaftliches Phänomen?

Doch, durchaus. Das zeigt sich beispielsweise beim Stimmverhalten an Gemeindeversammlungen, wenn über öffentliche Bauten abgestimmt wird. Häufig erhält die günstigste Variante den Zuschlag. So kommt es, dass eine teurere Dachbegrünung abgelehnt wird, obwohl sie auf lange Frist gesehen Kosten spart. Dies nachzurechnen, ist heutzutage so einfach wie nie zuvor. Das dogmatische Verhalten der Stimmbürger kann ich nicht recht nachvollziehen.

Wie kann diese Situation geändert werden?

Bund, Kantone und Gemeinden müssen Reglemente und Normen festlegen und vor allem durchsetzen. Damit könnten wir sowohl den Anteil Gründächer als auch deren Qualität steigern. Denn noch wird bei vielen Dachbegrünungen nur das Minimum gemacht, da die meisten Regelungen Hintertürchen haben. Zwar gibt es heute bereits einige SIA-Normen, diese sind aber immer noch zu wenig bekannt. Viele Gemeinden schauen zudem bei dieser Thematik zu wenig hin, auch weil ihnen das nötige Know-how fehlt. 

Wohin führt uns die Entwicklung?

Draussen zu sein, mediterranes Ambiente zu geniessen, das wird für die Bevölkerung zunehmend wichtiger. Darauf müssen Immobilienentwickler vorausschauend reagieren. Die Mieter werden dorthin ziehen, wo sie einen möglichst grossen Anteil der Dachflächen nutzen können. Dem zu entsprechen setzt eine umsichtige Planung voraus, denn neben Dachgärten beanspruchen auch Solaranlagen die knappen Flächen an der Sonne.

Der Interviewpartner

Dr. phil. Stephan Brenneisen (54) doziert in Wädenswil an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Departement Life Sciences und Facility Management. Dort leitet er die Forschungsgruppe Stadtökologie. Er war Präsident der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung und Herausgeber diverser Publikationen mit Schwerpunkt Dachbegrünung.