21.06.2017

Interview mit Reto Locher

Erst seit kurzem zeichnet die Stiftung Natur und Wirtschaft auch Wohnareale mit ihrem Label aus. Reto Locher zu naturnaher Aussenraumgestaltung im Spannungsfeld von Arbeitsplätzen und Wohnungen am Beispiel der Suurstoffi in Rotkreuz.

Welches Ziel verfolgt die Stiftung Natur und Wirtschaft?

95 Prozent der Pflanzen rund um Büro- oder Gewerbebauten sind heute nicht heimisch. Insgesamt sind es zwar ca. 250 Arten, die angeboten werden, aber Bienen finden hier keine Pollen und Vögel keine Nistmöglichkeiten. Das Ziel der Stiftung ist, zusammen mit der Wirtschaft mehr einheimische Pflanzen wie beispielsweise Holunder oder Weissdorn anzupflanzen und die Areale insgesamt naturnah zu gestalten. Gestartet sind wir 1995, aktuell sind rund 400 Unternehmen dabei. Damit decken wir eine Fläche von 3800 Hektaren ab, was der Fläche sämtlicher öffentlicher Parks der Schweiz entspricht.

«Auf Forsythien lebt keine einzige Insektenart, auf dem einheimischen Weissdorn hingegen mehr als hundert.»

Was sind die Kriterien, damit ein Unternehmen das Zertifikat Ihrer Stiftung erhält?

Mindestens 30 Prozent der Fläche müssen naturnah gestaltet sein. Das ist aus Sicht aller Beteiligter gut erreichbar, wobei es mit den Jahren meist etwas mehr als 30 Prozent werden. Optimal ist, wenn neben der naturnahen Gestaltung mit einer hohen Biodiversität die Gärten auch in ästhetischer Hinsicht überzeugen und zum erkunden und verweilen einladen.

Auf dem Areal der Suurstoffi befinden sich auch Wohnhäuser. Unterscheiden sich die Anforderungen bezüglich naturnaher Gestaltung bei einer Wohnsiedlung im Vergleich zu einem Bürobau?

Ja. Wir zertifizieren seit eineinhalb Jahren auch Wohnsiedlungen, insgesamt sind es ca. zehn Areale, wobei die Mindestgrösse bei einem Haus mit ca. 15 Wohneinheiten liegt. Die Suurstoffi ist eines dieser ersten Areale mit Wohnnutzung, die wir zertifiziert haben. Als wir damit begonnen haben, mussten wir wieder bei null anfangen, insbesondere, was die Motivationsarbeit betrifft. Denn im Wohnungsbau agieren andere Player als im Büro- oder Gewerbebau. Oft sind auch bereits zu einem frühen Zeitpunkt Landschaftsarchitekten in den Planungsprozess involviert.

«Optimal ist, wenn neben der naturnahen Gestaltung mit einer hohen Biodiversität die Gärten auch in ästhetischer Hinsicht überzeugen und zum erkunden und verweilen einladen.»

Wie gehen Sie dabei vor?

Bei bereits bestehenden Siedlungen, beispielsweise aus den 1970er-Jahren, entwickeln wir zusammen mit der Bauträgerschaft ein mehrjähriges Programm zur schrittweisen Umgestaltung des Aussenraums Richtung naturnahem Garten.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Zug Estates aus?

Ein erster Vorteil besteht darin, dass Zug Estates unabhängig von unserer Zertifizierung die Absicht hat, für den Aussenraum der Suurstoffi eine hohe Qualität zu erreichen. Die Architektur der Bauten lässt attraktive Aussenräume entstehen, sowohl für die Bewohnende als auch für die Mitarbeitenden der Unternehmen auf dem Areal. Die Suurstoffi ist eines der besten Beispiele, die ich den letzten Jahren gesehen habe in punkto Nutzerfreundlichkeit.

Gibt es auch Grenzen in Bezug auf eine naturnahe Gestaltung?

Eine naturnahe Umgebung lässt sich nicht einfach konstruieren, beispielsweise wenn der Naturuntergrund wegen einer Tiefgarage fehlt. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht. Oft muss man ausprobieren, was an einem bestimmten Standort gut wächst und was weniger. Damit die Entwicklung hin zu grosser Biodiversität gelingt, braucht es auch ein Pflegekonzept. Es steht und fällt letztlich mit der Kompetenz des zuständigen Gärtners, der das in der Praxis umsetzen muss. Denn es braucht Erfahrung und Achtsamkeit, um solche Prozesse zu begleiten.

Wie sieht der Prozess der Zertifizierung aus?

Es gibt harte Kriterien, wie beispielsweise die vorhandenen Pflanzenarten. Insgesamt ist unser System aber expertenbasiert. Das heisst, ein Areal wird von einem Auditor ganzheitlich eingeschätzt. Denn viele Fragen wie beispielsweise die Anzahl der vorhandenen Wildbienenarten lassen sich gar nicht mit vernünftigem Aufwand erfassen. In der Regel gibt es nach fünf Jahren eine Rezertifizierung. Für die Suurstoffi ist dies nach Fertigstellung der drittenEtappe 2017 geplant. Wir stehen dazwischen aber auch für Fragen und Begleitungen des Prozesses zur Verfügung.

Wie schätzen Sie das Potenzial der Suurstoff bezüglich Biodiversität ein?

Die Artenvielfalt ist bereits jetzt sehr gross und die Gestaltung ist vorbildlich. Im Vergleich zum angrenzenden Landwirtschaftsland mit durchschnittlich 20 bis 30 vorhandenen Arten gibt es auf dem Areal der Suurstoffi bereits jetzt 100 bis 150 Arten. Das wird sicher noch zunehmen. Vögel beispielsweise brauchen gute Hecken und grosse Bäume für ihre Nistplätze. Das kann nach Fertigstellung eines Areals gar nicht vorhanden sein. Es braucht Zeit und Geduld.

Reto Locher ist Geschäftsführer der Stiftung Natur und Wirtschaft

Gartenkultur und Naturschutz gelungen kombiniert

Am 9. Juni 2016 wurde die Suurstoffi mit dem Zertifikat der Stiftung für Natur und Wirtschaft ausgezeichnet. Das zukunftsweisende Areal in Rotkreuz ist vorbildlich, auch was die naturnahe Gestaltung des Aussenraums betrifft. Das Label wird vom Bundesamt für Umwelt und Wirtschaftspartnern unterstützt. Natur & Wirtschaft ist die einzige Institution in der Schweiz, die Natur im Siedlungsraum mit einem Zertifikat auszeichnt. In der Suurstoffi wächst kein Naturgarten, keine Wildnis, sondern ein klug durchgestalteter Naturraum. „Es ist diese Verflechtung von Gartenkultur und Natur, die für mich zukunftsweisend ist“, so Locher anlässlich der Zertifikatsverleihung. Die Suurstoofi ist auch in diesem Bereich ein Pionierprojekt, denn schweizweit wurden erst sechs Areale mit dem Zertifikat ausgezeichnet.