07.09.2017

Bikesharing - Interview Bruno Rohner

Das Mobilitätsbedürfnis steigt. In der kurzen Distanz gewinnt Bike-Sharing an Bedeutung. Vor allem für Städte oder Areale wie die Suurstoffi birgt diese neue Mobilitätsform grosses Potenzial.

Interview und Text: Philipp Hodel, Nachhaltigkeitsbericht 2017

Wieso hat der Begriff „Mobilität“ in den letzten Jahren rasant an Bedeutung gewonnen?

Bruno Rohner: Seit den 80er-Jahren steigen die Pendlerströme stark an, ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Der Ausbau des S-Bahn-Systems oder der faktische Wechsel vom Halb- zum Viertelstundentakt hat diese Entwicklung begünstigt. Gleiches gilt für die Strasse, wo die Verkehrsprobleme zunehmen. Der Ausbau der Infrastruktur hält mit der Entwicklung nicht mit. Entsprechend steigt der Frust von Pendlern und Reisenden und das Thema gewinnt an Brisanz.

Wo reiht sich PubliBike im gesamten Mobilitätsmix ein?

Wir decken das zunehmende Bedürfnis nach Mobilität in der kurzen Distanz ab. Unsere Erfahrungen zeigen: 96 Prozent unserer Kunden benutzen unsere Fahrräder weniger als 30 Minuten, 80 Prozent sogar weniger als fünf Minuten. Unsere Fahrräder werden für kurze Distanzen eingesetzt. Für uns bedeutet dies, dass wir ein relativ dichtes Netz an Stationen aufstellen müssen, um diesem Nutzerverhalten gerecht zu werden.

«In der kurzen Distanz wird das Bikesharing zu einer echten Alternative»

Helfen solche Einzelmassnahmen im grossen Ganzen?

Für sich betrachtet helfen ein paar Velostationen natürlich zu wenig. Daher integrieren wir unser System zum Beispiel in den Swisspass oder künftig auch in Tarifverbünde. Die Bedeutung der Multimobilität wird immer weiter an Bedeutung gewinnen. Sprich: es wird immer mehr Möglichkeiten geben, von A nach B zu kommen. Der Reisende kann beispielsweise in einer Stadt Bus oder Tram benutzen oder zwei, drei Stationen mit einem gemieteten Bike fahren. In kurzer Distanz wird das Bike-Sharing zu einer echten Alternative.

Wo steht die Schweiz in Sachen Bike-Sharing im Vergleich zum Ausland?

Hier muss ich klar sagen: wir stecken noch in den Kinderschuhen. Städte wie Berlin, Paris, Kopenhagen oder München verfügen über weitentwickelte Systeme. Aber das hat seinen Grund: Die Schweiz hat ein dichtes und hochfrequentiertes ÖV-System. Das Bedürfnis war bislang noch nicht vorhanden.

Wie schätzen Sie die Marktentwicklung ein?

Wir stellen zurzeit eine sprunghafte Zunahme an Anfragen für Bike-Sharing-Lösungen fest. Grosse Städte wie Bern, Zürich oder Genf wollen diese Entwicklung nicht verpassen. Von Kundenseite her ist das Bike-Sharing aber noch nicht wirklich etabliert. Wir stehen erst am Beginn dieser Entwicklung. Wie schnell und wie stark das neue Angebot genutzt werden wird, ist schwer vorherzusagen. Die Nutzerzahlen aus Nyon, Lausanne und Freiburg, wo unser Angebot bereits seit vier Jahren besteht, stimmt uns zuversichtlich.

Auch in der Suurstoffi ist Bike-Sharing ein Thema. Welches Potenzial sehen Sie auf diesem Areal?

Mit seinen über 100‘000 m2 Grundfläche sehe ich auf dem Areal Suurstoffi ein Potenzial von drei bis fünf Stationen mit je zehn Fahrrädern. Wichtig ist allerdings, die Suurstoffi nicht als abgeschlossene Einheit zu betrachten. Mit dem ans Areal grenzenden Bahnhof oder dem Standort Roche besteht ein erhebliches Vernetzungspotenzial für die ganze Gemeinde. Die Gespräche mit den Beteiligten laufen, die ersten Reaktionen sind positiv. Unsere Fahrräder schaffen einen echten Mehrwert zum bestehenden Angebot, zudem kann Platz gespart werden. Ein Fahrrad wird nicht nur am Morgen und am Abend gebraucht, sondern von verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Wer nutzt Ihre Fahrräder?

Die meisten Nutzer sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Es sind eher urbane Menschen, die Wert auf ihren ökologischen Fussabdruck legen, aber auch zahlreiche Pendler, im Moment ebenfalls viele Studenten. Es ist eine junge oder jung gebliebene Generation, die den Sharing-Gedanken in sich trägt und offen für neue Angebote ist. Unsere Zielgruppe ist nicht der tägliche Autopendler.

Was kostet die Benutzung von PubliBike?

Das Tarifmodell ist hauptsächlich auf die erste halbe Stunde ausgerichtet. Mit einem Jahresabonnement zum Preis von 50 Franken ist die erste halbe Stunde bei einem konventionellen Fahrrad gratis. Das E-Bike kostet Fr. 3. 50 für die erste halbe Stunde. Regelmässigere Nutzer können ein Jahresabonnement für 200 Franken kaufen, dafür reduzieren sich die Nutzungstarife. Dieses Tarifmodell wird mit der Kompletterneuerung des Systems ab Oktober 2017 in Kraft treten. Für Unternehmen gibt es «BusinessBike», das einen Pauschaltarif beinhaltet. Mitarbeitende können damit die Fahrräder für eine vordefinierte Ausleihdauer gratis benutzen.

www.publibike.ch

Der Interviewpartner

Bruno Rohner (49) ist seit dem 1. Oktober 2015 Geschäftsführer von PubliBike. Er arbeitete während 29 Jahren in verschiedenen Funktionen bei den SBB und kennt daher die Mobilitätsbranche in all ihren Facetten. Bruno Rohner ist ausgebildeter Verkaufsleiter und hat Studien in Betriebswirtschaft und Marketing absolviert. Als Triathlet ist er ein versierter Velofahrer.