07.09.2017

Gastbeitrag Timo Ohnmacht

Der Energieverbrauch steigt. Die Immobilienbranche kann durch Standorts- und Angebotsmerkmale eines Areals das Mobilitätsverhalten ihrer Bewohner ökologisch positiv beeinflussen. Daher gehört zu den Säulen des nachhaltigen Bauens nebst Erstellung und Betrieb auch der Bereich Mobilität.

Text: Timo Ohnmacht, Nachhaltigkeitsbericht 2017

Die Mobilität – verstanden als das Mobil-sein, gemessen in täglich zurückgelegten Wegen – hat sich seit der Industrialisierung kaum verändert. Wir gehen zur Arbeit, müssen uns versorgen, treffen Freunde und Verwandte oder gehen in ein Restaurant. Mit rund drei Wegen pro Tag im Schnitt können wir in der Verkehrsstatistik eine gewisse Konstanz in der Mobilität feststellen. Was aber in den letzten 25 Jahren stark angewachsen ist, ist die Verkehrsleistung. Wir legen etwa gleich viele Wege zurück, doch die Distanzen, die wir mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, sind angewachsen. Im Jahre 2015 legten Herr und Frau Schweizer täglich 37 Kilometer zurück, dies sind 6 Kilometer mehr als noch vor 20 Jahren. Die sogenannten Daseins-Grundfunktionen – Arbeiten, Freizeit, Einkaufen – sind demnach räumlich weiter voneinander entfernt. Grund hierfür sind Geschwindigkeits- und Erreichbarkeitsgewinne durch die Verkehrsträger.

«Wir sind nicht mobiler als vor 100 Jahren, legen dafür längere Distanzen zurück»

Drei Säulen des nachhaltigen Bauens

Vor dem Hintergrund der Zunahmen der zurückgelegten Distanzen verlangen die Ziele der Energiepolitik nach neuen Mobilitätslösungen. Denn ein Drittel des Endenergieverbrauchs wird heute dem Verkehrssektor zugeschrieben. Nachhaltiges Bauen kann die Energiewende und ihre Lösungsansätze unterstützen. Denn als äusserst positiv gilt es zu vermerken, dass über Energie, Raum, Verkehr und Gesellschaft und ihre Wechselbeziehungen in vielen Bereichen heute nachgedacht wird – so etwa in der Bau- und Immobilienbranche. Eine moderne Arealentwicklung berücksichtigt die drei Säulen des nachhaltigen Bauens: Erstellung, Betrieb und Mobilität. Die Mobilität ist noch das jüngste Element dieser Trias und wird noch umständlich als „gebäudestandortabhängige Mobilität“ betitelt. Gemeint ist, dass die Standort- und Angebotsmerkmale eines Areals massgeblich auf das Verkehrsverhalten der Bewohnenden Einfluss nehmen. Das Konzept der autoarmen Siedlung mit einer guten Ausstattung an Carsharing-Fahrzeugen und gutem Zugang an den öffentlichen Verkehr sowie diverse Instrumente des Mobilitätsmanagements unterstützen die Ziele einer 2000 Watt-Gesellschaft.

Vieles wird bereits richtig gemacht – aber es ist noch ein langer Weg

Diese Erkenntnisse sind sicherlich nicht neu in der Wissenschaft. Neu ist allerdings, dass Alternativen zur Automobilität in Form von Strategien des Mobilitätsmanagements in der Bau- und Immobilienbranche und ihrer Arealentwicklung berücksichtigt werden. Gut ist, dass vor dem Hintergrund der nachhaltigen Bauens und des Energieabsenkpfads in der Schweiz auf guten Fakten aufgebaut werden kann: Bis zu 35% Energie und 57% Treibhausgase sparen Stadtbewohner mit ÖV-Abonnement gegenüber dem Schweizerischen Durchschnitt ein, die zudem in Nähe eines Mobility Carsharing-Standorts wohnen. Die Mobilität ist neuerdings somit fester Bestandteil energiesparsamen Wohnens geworden. In der Schweiz sind rund 20 Areale entstanden und das langfristige Potenzial wird auf insgesamt 900 Areale geschätzt. Die Technik wird die Energie nicht allein senken - die Bewegung in den Köpfen muss hinzukommen. Die Bau- und Immobilienbranche ist auf dem richtigen Weg. Auch in der Suurstoffi finden derzeit wichtige Überlegungen zu Formen des Mobilitätsmanagements statt, um die Mobilität der Bewohnenden und Beschäftigten in nachhaltige Bahnen zu lenken.

Der Autor

Dr. phil. Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern – Wirtschaft ist Professor für Verkehrspolitik und arbeitet am Kompetenzzentrum für Mobilität. Er doziert und forscht im Themenfeld Raum, Verkehr und Gesellschaft, auch im Auftrag von Kanton, Bund und Gemeinden. In seiner Arbeit beschäftigt er sich hauptsächlich mit der Schweizerischen Verkehrsstatistik. Im Auftrag der Zug Estates hat er Kennzahlen der Energie und Mobilität der Bewohnenden in der Suurstoffi berechnet. Diese Grundlagen bieten eine Entscheidungshilfe für die Förderung einer nachhaltigen Mobilität im Areal.