21.06.2017

Interview mit Jean-François Schnyder

HitchHike fördert mit einem Gesamtsystem Fahrgemeinschaften in Kooperation mit Unternehmen und Gebietsentwicklern. Mitgründer Jean-François Schnyder berichtet über die Idee zur Lancierung und die ersten Erfahrungen mit dem Pionierprojekt Suurstoffi.

Wie entstand die Idee von HitchHike?

Während des Bachelorstudiums an der Hochschule Luzern beobachteten wir Woche für Woche, dass viele Studierende mit dem Auto nach Horw kamen. Wobei immer nur eine Person im Fahrzeug sass. Es gab aber meist zu wenig Parkplätze. Davon waren Anwohner und die Gemeinde betroffen, und es entstand ein Druck auf die Hochschule, eine Lösung zu finden. Deshalb hatten wir zunächst die Idee, eine Plattform für Mitfahrgelegenheiten einzurichten. Unsere Recherchen zeigten dann, dass es solche vor allem im deutschen Raum bereits gab. Wir verfolgten das Projekt in dieser Form deshalb nicht weiter. 2011 nahmen wir die Idee nochmals auf und suchten das Gespräch mit der Hochschule Luzern. Unser Ansatz war jetzt, ein System zu entwickeln, an dem sich die Hochschule als Partnerin beteiligt, auch finanziell, und die Nutzung des Angebots für die Nutzenden kostenlos ist. So entstand die erste Partnerschaft mit der HSLU, der Gemeinde Horw und weiteren Akteuren.

«Wer HitchHike nutzt, verhält sich nachhaltig und muss bereit sein, Gewohntes neu zu ­denken. Die Suurstoffi ist das ideale Pionierprojekt dafür.»

Wie ging es weiter?

Wir entwickelten die erste Version einer Software-Lösung, welche ein Element des Gesamtsystems darstellt. Gleichzeitig unterhielten wir uns intensiv mit potentiellen Nutzern und den Verantwortlichen der Hochschule. Wir suchten auch weitere mögliche Kunden, um unser Geschäftsmodell bedürfnisorientiert weiterzuentwickeln. Die enge Zusammenarbeit ist dabei zentral.

Wen sprechen Sie mit Ihrem Angebot an?

Unternehmen, Städte und Gemeinden oder eben Arealentwickler wie Zug Estates haben aus unserer Sicht ein grosses Potential zur Etablierung eines solchen Angebots. Die Nutzer sind Pendlerinnen und Pendler, die so einfach und schnell zu Fahrgemeinschaften finden.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Zug Estates?

In der Suurstoffi wird gewohnt und gearbeitet. Dadurch erhöht sich das Potential für mögliche Fahrgemeinschaften. Wir haben zusammen mit Zug Estates die Bedürfnisse in mehreren Schritten abgeklärt und das Angebot und die Vermarktung innerhalb der Suurstoffi weiterentwickelt. Aktuell ist es so, dass sich die Bewohnenden der Suurstoffi oder Leute, die dort arbeiten, registrieren können und das System dann mögliche Vorschläge für Fahrgemeinschaften macht. Die persönliche Absprache erfolgt individuell. Damit nimmt unsere Software den Nutzern die schwierigste Aufgabe ab: Jemanden zu finden, der täglich den gleichen Weg fährt und Interesse hat, mal eine Fahrgemeinschaft auszuprobieren.

Wie stark wird HitchHike aktuell genutzt?

In Rotkreuz noch nicht so stark wie wir uns das wünschen. Eine der Schwierigkeiten ist, das Angebot unter den Nutzern bekannt zu machen. In der Suurstoffi gibt es zum Ein- und Aussteigen jetzt aber besonders gekennzeichnete Parkplätze, welche das Angebot für Bewohnende und Mitarbeitende der Unternehmen vor Ort sichtbar machen. Diese Parkplätze können von Hitch HikerInnen genutzt werden.

Was sind aus ihrer Sicht Pluspunkte für HitchHike-Nutzer?

Man vernetzt sich und kann während der Fahrt Wissen und Informationen austauschen. Es ist günstiger, weil man sich die Kosten für eine Fahrt teilen kann. Und man kann das Auto bei Bedarf dem Partner überlassen. Man kann regelmässig gemeinsam eine bestimmte Strecke fahren oder auch nur bei Bedarf. Klar ist, dass es dafür die Bereitschaft braucht, Gewohnheiten, wie jeden Tag in seinem eigenen Auto von A nach B zu fahren, aufzugeben und sich auf Neues einzulassen. Im besten Fall kann man sogar ganz auf ein eigenes Auto verzichten.

«Car-Pooling ist eine Möglichkeit, das tägliche Verkehrsaufkommen in den Spitzenzeiten zu reduzieren.»

Gibt es weitere Partner, die HitchHike einsetzen?

Ja, das Departement Technik & Architektur der Hochschule Luzern war von Anfang an dabei. Nun kommt ab Sommer 2016 auch das Departement Informatik mit seinem neuen Standort in der Suurstoffi dazu. Dann arbeiten wir mit dem Business Village D4 in Luzern zusammen. Mit weiteren Unternehmen im Raum Zentralschweiz, Basel, Zürich, Aargau und Graubünden führen wir Gespräche. Darunter sind Unternehmen, aber auch Spitäler und Gemeinden, die in meinen Augen eine ganz wichtige Aufgabe als Netzwerkpartner einnehmen. Zug Estates ist diesbezüglich ein Pionierin. Das Vertrauen, das sie uns entgegenbringt, und die konstruktive Zusammenarbeit sind viel wert. Wir wissen das zu schätzen.

Wie geht es weiter mit HitchHike?

Vor Kurzem waren wir an einem Workshop, den das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK in Auftrag gegeben hat. Das Ziel war herauszufinden, wie sich Car-Pooling im grösseren Kontext fördern lässt. Diesen Frühling haben wir ein zweijähriges Forschungsprojekt mit der Hochschule abgeschlossen, welches unter anderem durch die Kommission für Technologie (KTI) finanziert wurde. Dort zeigte sich, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Die Software selbst entwickeln wir laufend weiter. Zudem engagieren wir uns auf verschiedenen Ebenen, um das System weiterzubringen. Ich bin überzeugt, dass dies eine Form der künftigen Mobilität ist und in vielerlei Hinsicht einen Mehrwert bring.

Jean-François Schnyder ist Mitbegründer von HitchHike, dem System zur nachhaltig erfolgreichen Etablierung von Fahrgemeinschaften

Gemeinsam im Auto pendeln

HitchHike ist eine von Schweizer Ingenieuren entwickelte Business Lösung zur Optimierung des motorisierten Individualverkehrs (MIV). Das Kernstück der Dienstleistung ist eine Expertise zur kundenspezifischen Einführung und Etablierung eines Carpooling-Systems. Zur automatisierten und intelligenten Vermittlung von Fahrgemeinschaften wird eine eigene Software eingesetzt. Mit komplexen Algorithmen und Vektorgeometrie – bezogen auf Kartendaten und Nutzerbedürfnisse – berechnet HitchHike mögliche Optionen zur Bildung von Fahrgemeinschaften und bewertet diese. Jeder Kunde kann durch den Einsatz einer persönlichen HitchHike-Plattform einfach und effizient seine Anspruchsgruppe vernetzen und spezifische eigene Ziele verfolgen. Zu den Kundensegmenten gehören Unternehmen, Gebiete (Wohn- und Industriegebiete, Gemeinden oder ganze Städte), Grossveranstaltungen oder Hochschulen. www.hitchhike.ch