07.09.2017

SBB Mobilitätshub - Interview Peter Wicki

In Rotkreuz plant die SBB einen Mobilitätshub. Aus dem Bahnhof sowie den angrenzenden Arealen wie der Suurstoffi und dem geplanten Entwicklungsprojekt Bahnhof Süd entstehen eine leistungsfähige Mobilitätsdrehscheibe und attraktive Lebensräume.

Interview: Philipp Hodel, Nachhaltigkeitsbericht 2017

Was müssen wir uns unter Mobilitätshubs vorstellen?

Peter Wicki. Mobilitätshubs bilden als umfassende Verkehrsknoten das Herz der Mobilität der Zukunft. Sie laden ein zu Reisen, zu Verweilen oder zu Konsumieren. Damit gehen sie viel weiter als heutige Bahnhöfe. Mobilitätshubs vereinfachen das Zu- und Umsteigen zwischen den zahlreichen Mobilitätsangeboten massgeblich. Die Hubs werden zum Ausgangspunkt für die schlaue Mobilität der ersten und letzten Meile: Vom Zug direkt ins Tram oder in den Bus, aufs e-Bike, PMD (Personal Mobility Device z.B. e-Trottinett) oder in das autonom fahrende Fahrzeug bis vor die Haustür. Leicht zugängliches automatisches Parkieren oder Abholen der individuellen, «Sharing»-Fahrzeuge wird sichergestellt sein. Zudem werden neue Angebote im Bereich Food und Gastronomie sowie Handel, Service- und Dienstleistungen geschaffen, so dass sich auch die Aufenthaltsqualität für Kundinnen und Kunden erhöht. Damit werden die Bahnhöfe der Zukunft zu multifunktionalen und multimodalen Mobilitätshubs, das heisst zu Verkehrsknoten, Destination und Dienstleistungszentrum in einem.

«Mobilitätshubs vereinfachen das Zu- und Umsteigen zwischen unterschiedlichen Mobilitätsangeboten, sie sind die Bahnhöfe der Zukunft»

In Rotkreuz laufen konkrete Planungen für einen Mobilitätshub. Was wird uns erwarten?

Im Rahmen unseres in Rotkreuz geplanten Entwicklungsprojektes Bahnhof Süd werden Themen eines zukünftigen Mobilitätshubs bereits eingeplant. Zum einen soll ein vernetztes Angebot verschiedener Mobilitätsträger geschaffen werden, um schnelles und bequemes Umsteigen sicherzustellen. Neben einer optimalen Anbindung von Langsamverkehr (Velo und Fussgänger) fliesst auch die städtebauliche Entwicklung Areal Bahnhof Süd in das Konzept mit ein. Zum anderen soll das Einkaufs-, Services- und Dienstleistungsangebot gemäss örtlichen Kundenbedürfnissen ausgebaut werden. Dabei versuchen wir den Flächenbedarf von zukünftigen funktionalen Angebotselementen bereits heute zu sichern. Wir planen also flexibel und modular, so dass wir auf sich verändernde Mobilitäts- und allgemeine Kundenbedürfnisse reagieren können, z.B. mit Parkhäusern in Leichtbauweise, die sich wieder abbauen oder umnutzen liessen.

Werden angrenzende Areale wie die Suurstoffi in das Gesamtkonzept miteinbezogen?

Aufgrund des Hochschulcampus und dem grossen Wohn- und Gewerbeangebot ist die Suurstoffi ein wichtiger Bestandteil des Zentrums von Rotkreuz. Konzepte wie ein Mobilitätshub funktionieren nur in enger Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. Mit der Zug Estates haben wir eine Partnerin vor Ort, die sehr gut verankert ist und das Thema Mobilität von Beginn weg im Fokus hatte. So hat sie bereits früh für das Suurstoffi Areal eine Arbeitsgruppe zum Thema Mobilität ins Leben gerufen, bei der auch wir aktiv mitwirken. All diese Initiativen helfen bei der Umsetzung eines Mobilitätshubs und vereinfachen die Integration in die bestehende Infrastruktur.

Welchen Einfluss haben diese Mobilitätshubs künftig auf die Quartiere und Städte?

Mobilitätshubs haben einen grossen Einfluss auf die städtebauliche Entwicklung und somit auf die zukünftige Entwicklung von Arealen, Quartieren und Regionen. Sie vereinen unterschiedliche Mobilitäts- und Dienstleistungsangebote zentral an den jeweiligen Standorten – in den Städten, Agglomerationen, regional oder in ländlichen Einzugsgebieten. Gleichzeitig werden Mobilitätshubs und Städte intelligent und vernetzt, sprich «smart» sein. Das heisst,  verschiedene Infrastrukturen (z.B. Transport, Gebäude, Logistik) werden via Internet of Things (IoT) miteinander kommunizieren und interagieren. Dadurch werden die Bahnhöfe sowie die angrenzenden Areale und Quartiere zu attraktiven Mobilitätsdrehscheiben und Lebensräumen gestaltet.

Alternative Mobilitätsformen wie Car-Sharing werden beliebter. Mittels Apps können Mitfahrgelegenheiten bequem gesucht und gefunden werden. Und in ferner Zukunft sollen sogar selbstfahrende Autos die Reisenden von Tür zu Tür bringen. Welche Rolle spielt in diesem Mix die Eisenbahn?

Als Rückgrat und treibende Kraft im Öffentlichen Verkehr kombiniert die SBB die Stärken der Bahn mit dem Potenzial von Digitalisierung und neuen Mobilitätsträgern, wie z.B. selbstfahrende Shuttles und «Sharing»-Fahrzeuge – dies auf der ganzen Reisekette (Tür-zu-Tür-Mobilität). Digitalisierung und neue Technologien, wie Apps, Internet of Things (IoT), künstliche Intelligenz etc. bieten Chancen, die einzelnen Elemente der integrierten Bahn besser zu vernetzen und die letzten Meilen effizienter zu erschliessen. Wir bleiben im Kern eine starke Eisenbahn und entwickeln uns immer mehr zu einem digitalen, persönlichen und vertrauenswürdigen Mobilitätsdienstleister sowie Entwicklungspartner.

Der Interviewpartner

Peter Wicki ist diplomierter Architekt ETH mit einem Master of Science in Real Estate und MRICS. Seit 2012 ist er Leiter des Portfoliomanagements und Mitglied der Geschäftsleitung von SBB Immobilien. Gemeinsam mit seinem Team ist Peter Wicki verantwortlich für die Divisionsstrategie und die strategische Ausrichtung der drei Portfolien (Bahnproduktion, Bahnhöfe, Anlageobjekte) mit rund 3‘500 Gebäuden und einem geschätzten Marktwert von rund CHF 10 Mia.