Home  /  Journal  /  Artikel

Energiesystem Suurstoffi - aus der Vision wird Wirklichkeit

Das CO2-freie Energiesystem der Suurstoffi funktioniert. Das eingegangene Risiko zahlt sich aus. Als nächstes muss der operative Betrieb mittels einer Arealsteuerung sichergestellt und weiter optimiert werden, erklärt Martin Jöri, Leiter Energie und Gebäudetechnik.

Du warst viele Jahre im Energiesektor tätig und unter anderem für den europaweiten Auf- und Ausbau von erneuerbaren Energien verantwortlich. Seit November 2018 arbeitest du bei Zug Estates als Leiter Energie und Gebäudetechnik. Wieso hast du dich für unser Unternehmen entschieden?

Martin Jöri: Der Branchenwechsel reizte mich sehr. Früher habe ich Energiesysteme für Unternehmen wie Zug Estates angeboten, jetzt evaluiere ich verschiedene Lösungen und setze die geeignetste um. Ich befinde mich sozusagen auf der anderen Seite, das ist neu für mich. Zudem stehen bei Zug Estates herausfordernde Aufgaben an, die meiner persönlichen Weiterentwicklung dienen.

Die Suurstoffi zählt im Bereich der nachhaltigen Energiesysteme zu den Vorzeigeprojekten. Was ist das Einzigartige daran?

Wir schaffen es, für ein über 100 000 Quadratmeter grosses Areal die gesamte Wärme- und Kältebereitstellung für Wohnen und Gewerbe CO2-neutral und mit einem eigenständigen Arealsystem bereitzustellen. Im Gegensatz zu anderen Arealen sind wir nicht von einem externen Fernwärmenetz abhängig.

Weshalb wurde das Energiekonzept der Suurstoffi noch nicht kopiert?

Der klassische Immobilieninvestor ist nach wie vor konservativ unterwegs. Er setzt auf etablierte Lösungen. Nachhaltigkeit spielt, wenn es um die konkrete Umsetzung energetischer Systeme geht, nur eine kleine Rolle. Dies ist verständlich, da gewisse Risiken nicht wegzudiskutieren sind.

An welche Risiken denkst du dabei?

Dass das Energiesystem der Suurstoffi funktioniert, war keineswegs von Beginn weg klar. Es gab kaum Erfahrungswerte, nur Planzahlen. Das Zusammenspiel der einzelnen Systeme mit unzähligen Variablen ist sehr komplex. Heute können wir sagen: Das System funktioniert. Das Risiko und der finanzielle Aufwand haben sich gelohnt, da das System mit jedem Ausbauschritt durch Skaleneffekte noch effizienter wird. Gewisse Nachjustierungen sind jedoch nach wie vor nötig.

Konkret: Könnte das System Suurstoffi 1:1 auf andere Areale übertragen werden?

Wenn sich keine Hindernisse aus der Geologie ergeben, ist dies durchaus denkbar.

Das Energiesystem der Suurstoffi funktioniert. Ist das Projekt damit abgeschlossen?

Nein, zwei Themen werden uns weiterhin beschäftigen. Zum einen muss der operative Betrieb sichergestellt werden. Dies bedeutet, dass wir den Kälte- und den Wärmebedarf für das ganze Jahr gewährleisten müssen. Dazu brauchen wir eine übergeordnete Arealsteuerung für die Planung von Wärme- und Kälteleistungen über die künftigen Wochen und Monate. Zum anderen gilt es, das System kurzfristig, gemeint ist ein Zeitraum über die nächsten 48 Stunden, zu optimieren. So müssen, um ein Beispiel zu nennen, alle Wärmepumpen aufeinander abgestimmt werden, um Leistungs-spitzen im Stromverbrauch zu reduzieren. Auch müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die geplante E-Mobilität ins Gesamtsystem integrieren. Unser Ziel in der E-Mobilität ist es, die Elektro-lasten möglich dynamisch zu verteilen und die E-Autos als Elektrobatterie zu nutzen.

Laufen ausser der Optimierung des Energiesystems der Suurstoffi noch weitere Projekte über deinen Schreibtisch?

Zurzeit laufen einige spannende Projekte. Wir sind an der Umsetzung des Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch (ZEV) für die Suurstoffi. Dies ermöglicht es uns, den auf dem Areal produzierten Strom direkt unseren Mietern zu verkaufen. Des Weiteren soll bis Ende Jahr die Elektromobilität auf beiden Arealen um-gesetzt werden. Im April 2020 werden wir die Metalli an den Seewasserverbund Circulago anschliessen, was das Ende des Erdöl- und Erdgaszeitalters für Zug Estates einleitet. Weitere Themen sind ein digitales Abrechnungssystem auf Basis von Zählerdaten sowie CO2-Senkungen in der Alltagsmobilität.

Führt Digitalisierung im Bereich der Gebäudeautomation zu mehr Nachhaltigkeit?

Dank der Digitalisierung und IoT (Internet of Things) können wir unseren Mietern in Zukunft vereinfachte, individualisierte und verbrauchsabhängige Abrechnungen anbieten. Dies erhöht die Transparenz und wird – meiner Meinung nach – einen gewissen Anreiz schaffen, den eigenen Energieverbrauch zu reduzieren. Zumal mittels Grafiken und Animationen auch spielerische Elemente möglich wären.

Der Interviewpartner

Martin Jöri ist seit 13 Jahren im Energiesektor tätig und war unter anderem für den europaweiten Auf- und Ausbau der erneuerbaren Energien bei Alpiq und CKW verantwortlich. Bei BKW konnte er die Machbarkeit vom Plusenergiequartier Ittigen im Auftrag von Losinger Marazzi nachweisen. In seiner jetzigen Position bei Zug Estates setzt er sich für die Umsetzung der Vision Zero-Zero für die Areale Suurstoffi und Metalli ein.